Unter der Woche feilt Reinhard Franke an der neuen HTWK-Website und am Jahresbericht der Hochschule. Am Wochenende verschlägt es den 35-Jährigen auf die Fußballplätze der Region – als Schiedsrichter. Das mal aufschreiben? Der Projektmitarbeiter im Rektorat zuckte mit den Schultern: Warum nicht? Und bevor andere schlecht über ihn schreiben, wolle er das lieber gleich selbst machen. Voila:

„Ar***loch! Wic**er! H**ensohn!“, plärrt der feiste Erzgebirgler und will nach mir greifen. Das scheitert am Ordner. Und am Alkoholpegel des Gästefans. Soeben habe ich in Liga 7 nahe Chemnitz ein Fußballspiel abgepfiffen, bin auf dem Weg in die Kabine. „Duuuuuu! Duuu kommst irgendwann wieder ra-hus. Wir warten!“ Mein Elfmeter hat das Spiel in der Schlussminute entschieden, die Heimmannschaft holt sich (unverdient) gerade noch das Unentschieden. Der Torwart, den mein Linienrichter und ich als Verursacher ausmachen, bricht sich beim Foul die Nase. Nach seiner Logik scheidet er deswegen als Täter aus. Aha! Sein Trainer flucht: Meinetwegen werde der Hüter nun vom Notarzt abgeholt. Heim ist hingegen erfreut, dem Schiri-Team wird später eine zweite Runde Bier gebracht („Wollt ihr dann noch eins für den Heimweg?“).

Vor fast 20 Jahren, genau an meinem 16. Geburtstag, habe ich die Schiedsrichterprüfung bestanden. Seither geht’s raus auf die grüne Wiese, fast immer samstags und sonntags. Erst Theresa, mittlerweile zweieinhalb, hat meine Einsatzfreude halbiert: Ein Wochenendtag gehört nun der Familie.

Schiri-Ausweis mit 16 – warum denn sowas? Naja, spielerisch war ich allenfalls halb so talentiert wie mein alter Herr (der war als Jugendlicher mal DDR-Meister. Behauptet er.). Als Schiri war da mehr drin, und das Taschengeld war auch nicht zu verachten. Schon damals war aber klar: Für ganz nach oben muss man noch früher anfangen, ehrgeiziger ins Lauftraining gehen und besser nicht aus dem Osten kommen – denn die Lobbyisten sitzen woanders.

Schiri Franke mit seinen Assistenten beim Landesklassenspiel in Borna Ende 2016. (Foto: Pascale Loelke/Bornaer SV)

Nun, meine Karriereleiter endete bei „sachsenweit“ – wobei unsere Verbandsfürsten nimmermüde betonen, dass wir damit in Liga 7 aufgrund der „Leistungspyramide“ schon zu den Top Ten der Schwarzen Zunft gehören. Wow!

Jedenfalls fühle ich mich in dieser Ebene pudelwohl. Drunter ist’s Gerumpel. Aber eine Liga weiter oben für wenige Euros mehr als Linienrichter bis an die Ostsee fahren, ließe sich daheim schwerlich positiv verkaufen, außer dass Papa dann manchmal beim NDR durchs Bild läuft.

Also lieber für 35 Euro Aufwandsentschädigung nach Colditz, Delitzsch, Freiberg und eben manchmal ins Erzgebirge. Apropos: So derb wie eingangs beschrieben ist der Ton selten – ich bin schließlich kein Masochist. Wir Schiedsrichter leben für Szenen wie die, in der sich der Kapitän der Verlierer-Mannschaft mit „Danke, an dir lag’s nicht, du hast gut gepfiffen“ verabschiedet. Und das kommt, dank der Routine aus so vielen Jahren, gar nicht mal so selten vor. Außerdem: In Liga 7 sind die Spieler verständiger, akzeptieren Abseits und Vorteil und entgleisen seltener als in der Kreisklasse, wo die Schiri-Kollegen auch noch ohne Linienrichter agieren müssen.

Und gefährlich? Ach, nöö. In 20 Jahren hat’s natürlich auch mal einer mit einem Bierflaschenwurf versucht. Weit verfehlt, denn der Übeltäter – na logo – war nicht mehr sehr treffsicher. Dass mal 400 Leute gleichzeitig „wissen, wo mein Auto steht“, ist mir relativ egal: Ich habe keins. Drohungen sind getrost wegzulächeln, vor allem weil sie meist von reichlich senilen Edelfans stammen. Den kreativsten Protest habe ich in meinem zuschauerstärksten Spiel erlebt. Lok Leipzig, nach Insolvenz mit Neustart von ganz unten, durfte ich seinerzeit als Achtligaschiri im Winter pfeifen. Roter Ball, Flutlicht, Schnee, 2000 Fans im Bruno-Plache-Stadion. Einer davon, Reibeisenstimme, war sogar bis auf den Rasen zu hören: „Oooh, gugge maaaa, der Schiieriii – dürre wie’s Gehalt und lang wie die Arbeitswoche!“

Kuriose Parallelen zwischen Fußball und Arbeitsplatz: Schiri Franke zeigt die Nachspielzeit an. Das musste er beim Webrelaunch auch… (Foto: Alexander Prautzsch)

Zu einer ganz klaren Roten Karten muss man eben aufrechten Ganges sagen: „Sorry, das war eine ganz klare Rote Karte! Ist nicht persönlich gemeint.“ Manch eine Strafstoßentscheidung ist da schon kniffliger. Spielverderber sein gehört immer mal zum Job – wobei am Ende nur für den eigenen Ehrgeiz wichtig ist, ob die Entscheidung wirklich korrekt ist. Denn am Spielfeldrand läuft viel über „alternative Fakten“. Enttäuschtes Kopfschütteln vermögen wir einzuordnen, aber die Fähigkeit zu Selbstkritik ist auch ein hohes Gut. Denn ein fehlerfreies Spiel ist Illusion. Aber: Für Mannschaften erst recht!

Das sei doch alles ein undankbarer Job. „Ich möchte das nicht machen“, sagen mir viele. Ich denke dann: Müsst ihr ja auch nicht!  Übrigens: Im Jubiläumsjahr erneuert die HTWK in einem heftigen Kraftakt die nicht mehr taufrische eigene Website und ich koordiniere das. Da höre ich das mit dem undankbaren Job auch gelegentlich. Schwierige Entscheidungen, mal respektiert, mal umstritten – manches ist wirklich wie aufm Platz. Und manches auch nicht: Denn mit „Ar***loch, Wic**er, H**ensohn“ hat noch keiner meine Arbeit bewertet.

(Von Reinhard Franke über Reinhard Franke)

Im Schneegestöber rutschen zwei Spieler dem Ball hinterher ins Seitenaus. Dort formt Spieler A einen Schneeball und wirft ihn Spieler B an den Hinterkopf.

 
 
 

Ein Torwart ist dermaßen vergnatzt über eine Elfmeterentscheidung, dass er sich selbst nach Gelber Karte weigert, den Platz im Tor einzunehmen. Stattdessen lehnt er lustlos am Pfosten. Was nun?

 
 
 

Ein Spieler hat seinen Schienbeinschoner in der Hand, um einen scharf aufs Tor geschossenen Ball noch mit seiner „verlängerten Hand“ aufzuhalten. Das gelingt. Was nun?

 
 
 

Ein angeleinter Dackel reißt sich von einem Zuschauer los, läuft aufs Spielfeld und beißt den Ball kaputt. Was nun?

 
 
 

Auf einem sehr dörflichen Sportplatz ragt die Baumkrone der stolzen Dorf-Eiche bis weit ins Spielfeld hinein. Ein hoch geschossener Ball touchiert die Äste und kommt abgefälscht zurück. Was nun?

 
 
 

In einem Abendspiel fällt plötzlich das Flutlicht aus. Was nun?

 
 
 

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